Tiefseetauchen – Die Entdeckung einer unbekannten Welt

Zwei Taucher tauchen an einem Seil entlang in die Tiefe

Weniger erforscht als der Mond, birgt die Tiefsee auch heute noch viele Geheimnisse. Kein Wunder also, dass Tiefseetauchen die Neugierde weckt. Aber was erwartet uns wirklich in der Tiefsee?

Tiefseetauchen – eine Reise weit unter die Wasseroberfläche

Mit dem Begriff „Tauchen“ verbinden wir meist farbenfrohe Bilder großer Fischschwärme, idyllische Korallenriffe und in Kamera winkende Taucher, die begeistert die vielseitige Unterwasserwelt bei ihren bis rund 40 Meter tiefen Tauchgängen entdecken. Doch in dieser Wassertiefe ist lange noch nicht Schluss. Es gibt Bereiche im Meer, die weit unter dem beschriebenen bunten, fröhlichen Treiben liegen. In der Tiefsee schlummert eine nahezu unentdeckte, geheimnisvolle Welt in der Dunkelheit.

Die Tiefsee als riesiger Lebensraum

Die Lebensbedingungen in der Tiefsee sind dabei – an unseren Maßstäben gemessen – wenig attraktiv, aber dafür bietet sie einen extrem großen Lebensraum. Bereits ab 200 Metern Wassertiefe wird von der Tiefsee gesprochen. Die Flächenausdehnung ist enorm: Die Bereiche unseres Planeten, die über eine Meerestiefe von einem Kilometer und mehr verfügen, stellen etwa 62 % der gesamten Erdoberfläche dar. Die Tiefsee ist somit räumlich gesehen der größte Lebensraum unserer Erde – und zugleich der am wenigsten erforschte.

Leben in der Tiefsee

Die Gegebenheiten im tiefen Meer sind beständig und so hat sich im Laufe der Jahre wenig verändert. Die Zusammensetzung des salzigen Meerwassers ist seit Millionen von Jahren fast überall identisch. Mit einer Temperatur von etwa zwei bis drei Grad Celsius ist es hier das ganze Jahr über kalt. In der Tiefsee gibt es wenige Strömungen, das Wasser ist in diesen Gebieten außerdem sauerstoffarm. Hinzu kommt, dass das Licht zwar Tiefen bis zu 500 Metern durchdringt, aber ab 150 Metern schon zu wenig Licht für Pflanzenwachstum vorhanden ist. Nahrung für die Lebewesen in der Tiefsee bieten somit überwiegend organische und Pflanzenreste, die aus den höheren Meereszonen herabsinken. Durch die riesigen Wassermassen lastet in der Tiefsee ein großer Druck auf allem – auch auf den Tieren. Beim Versuch, diese an die Oberfläche zu transportieren, würden sie aufgrund des fehlenden Drucks einfach platzen. Es wurden in den vergangenen Jahren Fische entdeckt, die bis in Tiefen von rund 8.000 Metern unter dem Meeresspiegel leben können und all diesen extremen Bedingungen standhalten. Bekannte Tiefsee-Fische sind unter anderem Silberbeilfische, schwarze Drachenfische, Schnepfenaale und Juwelen-Laternenfische.

Dunkelheit und viele (fast) vergessene Schätze

In der Tiefsee verbirgt sich somit ein großer Teil unentdeckter Welt. Unzählige Schiffwracks fristen hier ein stilles Dasein, viele von ihnen könnten einen hohen historischen und archäologischen Wert haben. Auch wenn schon einige Lebewesen der Tiefsee entdeckt wurden, tummeln sich hier schätzungsweise noch rund 10 Millionen Lebensformen, die unbekannt sind.

Tiefer als der höchste Berg der Welt

Die Tiefsee reicht an seiner tiefsten Stelle bis 11.000 Meter in die Erde hinunter. Dieser Punkt befindet sich im Marianengraben, einer etwa 2.400 km langen Tiefseerinne, die im westlichen Pazifischen Ozean liegt. Im Vergleich dazu ragt der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, 8.848 Meter in die Höhe. Er befindet sich im Mahalangur Himal in Nepal, nahe der Grenze Chinas.

Der Reiz, die Tiefsee zu entdecken

Unentdeckte Welten sind reizvoll – und auch Rekorde locken. Aus diesem Grund widmen sich immer mal wieder Taucher dem Bestreben, die Tiefsee selbst kennenzulernen und zu entdecken. So schaffte es beispielsweise der österreichische Apnoe-Taucher Herbert Nitsch mit einem einzigen Atemzug ganze 214 Meter in die Tiefe zu tauchen. Noch tiefer schaffte es der Ägypter Ahmed Gamal Gabr in 2017. Ausgestattet mit passenden Tauchgeräten, allerdings ohne Panzertauchanzug, hat er eine Tiefe von 332,35 Metern erreicht. Während der Abstieg in rund 15 Minuten gelang, dauerte das Auftauchen aufgrund der Dekompressionspausen rund 14 Stunden. Problematisch ist ebenfalls, dass die typischen Pressluftflaschen für Sporttaucher sich nicht für die Tiefsee eignen. Ab einer Wassertiefe von 66 Metern wird der durch die Pressluftflaschen eingeatmete Sauerstoff toxisch – und spezielle Gasgemische sind notwendig.

Ahmed Gamal Gabr verwendete bei seinem Tauchgang mehr als 60 Pressluftflaschen, die zur optimalen Versorgung unter der Wasseroberfläche mit verschiedenen Sauerstoffmischungen gefüllt waren. Diese wurden über eine Verbindung per Seil von seinem Team — je nach aktuellem Bedarf — hinabtransportiert. Bisher wurde dieser Tiefseetauchrekord noch nicht übertroffen, da bei tieferen Tauchgängen im Regelfall das „High Pressure Nervous Syndrome“, im Deutschen auch Heliumzittern genannt, eintritt. Die Ursache hierfür ist das den Gasgemischen beigefügte, für den Tauchgang notwendige Helium. Ahmed Gamal Gabr war bei seinem Tauchgang ebenfalls vom Heliumzittern betroffen, weswegen er sich bei 332,5 Metern für den Aufstieg entschied.

Die Gefahren des Tiefseetauchens

Neben dem Heliumzittern lauern weitere Gefahren beim Tiefseetauchen. So gibt es die Dekompressionskrankheit, bei der sich gefährliche Gasbläschen im Körper bilden, wenn sich ein Taucher zu schnell Richtung Wasseroberfläche bewegt. Grund hierfür ist, dass sich bei starkem Druck auf den Körper im Blut und im Gewebe Stickstoff in erhöhter Menge löst. Beim Auftauchen und der damit einhergehenden Verringerung des Wasserdrucks auf den Körper gibt dieser das Gas wieder in die Venen, von wo es zur Lunge transportiert und schließlich bei der Atmung ausgestoßen wird. Wenn zu viel Stickstoff zeitgleich ins Blutsystem der Venen gelangt, können sich die besagten Gasbläschen bilden, die zu Beschwerden unterschiedlicher Ausprägung führen können. Bei einer Tiefe von mehreren 100 Metern kann eine Dekompressionspause – wie im Fall von Ahmed Gamal Gabr – schon einmal mehrere Stunden dauern.

Eine weitere Gefahr bei Tauchgängen sehr weit unter Wasser ist der Tiefenrausch, der bereits bei einem Überdruck ab rund 30 Metern Tiefe geschehen kann. Anzeichen hierfür sind unter anderem kognitive Einschränkungen in Form von begrenztem Urteilsvermögen, Veränderung der Wahrnehmung oder einer Euphorie, die leichtsinnig machen kann. Als Gegenmaßnahme erfolgt in der Regel ein sofortiges Aufsteigen in eine geringere Wassertiefe.

Rekord im Tiefseetauchen

Den Rekord im Tiefseetauchen hielten seit 1960 viele Jahre Jacques Piccard und Don Walsh, die mit der „Trieste“, einem Tauchboot, rund 11.000 Meter in die Tiefe reisten. Sie stiegen ab bis zum Challenger-Tief – und trafen dort auf eine Wüste aus hellem Schlick. Dabei ging es nicht um Forschungszwecke, sondern mehr darum, möglichst weit unter der Wasseroberfläche gewesen zu sein. 2016 brach Victor Vescovo diesen Rekord mit seinem Unterseeboot DSV Limiting Factor – allerdings nur um 16 Meter. Ein wichtiges Ziel seiner Expedition unter der Wasseroberfläche bestand darin, den Meeresgrund zu vermessen. Dies war ein Erfolg, insgesamt kartografierte er rund 550.000 Quadratkilometer Meeresboden.

Weniger erforscht als der Mond

Nach wie vor ist die Tiefsee ein mystischer Ort. Kaum entdeckt, umfasst sie doch ein riesiges Volumen unseres Planeten. Experten stellen fest, dass die Mondoberfläche besser erforscht sei als die Tiefsee. Ein Forscherteam aus Karlsruhe arbeitet daran und entwickelt autonome Tauchroboter, die dem Geheimnis der Tiefsee ein wenig auf die Schliche kommen sollen – und somit buchstäblich mehr Licht ins Dunkle bringen könnten.

Titelbild: pumpchn / stock.adobe.com

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